Der Brauch und seine Figuren

Anführer, Pfarrer und Eselmusik.

Der Anführer hat die Aufgabe, die ganze Gruppe zu leiten. Er trägt auch eine Uniform, welche seine offizielle Aufgabe unterstreicht. Er bestimmt das Tempo der Gruppe und erteilt dem Pfarrer jeweils das Wort.

Der Pfarrer ist der Gegenspieler des Teufels. Er ist gebildet und geachtet. In seiner von den Schwarzenburgern mit Spannung erwarteten «Predig», welche er aus der Brattig liest, werden einige Dorfleute auf die Schippe genommen, welche sich im vergangenen Jahr in irgend einer Weise exponiert haben. Oftmals erfährt man von Schildbürgereien erst in der «Predig». Die Privatsphäre der Leute wird zwar respektiert, dennoch äussert sich der Pfarrer so, dass Insider genau wissen, wer und was jetzt aufs Korn genommen wird.

Der «Esu» versinnbildlicht das alte Jahr. Er wird für alles Schlechte, welches das alte Jahr gebracht hat, verprügelt. Der «Esuführer» übernimmt diese Aufgabe. Der «Esu» ist der richtige Sündenbock, der für die Sünden der Menschen büsst.

Der «Esuführer» ist immer ganz weiss gekleidet und seine Maske ähnelt einem Totenkopf. Er hat keine leichte Aufgabe. Er muss den Esel, welcher von einem jungen Schwarzenburger dargestellt wird, genau führen. Denn «der unter dem Tuech», wie die Gruppe die Jungen betitelt, welche den Esu darstellen, sieht kaum einen halben Meter weit. Die ganze Strecke wird gebückt zurückgelegt. Aus diesem Grunde müssen sich mehrere Jungen in diese Rolle teilen, da der schwere Eselkopf und die mühsame Gangart zu sehr ermüden.

Das «Brutpaar» steht für das neue Jahr, von dem erhofft wird, es möge besser ausfallen als das vergangene. Eine neue Familie wird gegründet — ein hoffentlich glückliches neues Jahr, eine neue Zukunft beginnt.

Der «Tüfu» steht in dieser Gruppe nicht wie in Märchen und Sagen für das «Böse», sondern er ist der dumme Teufel, welcher von den schlauen Menschen dauernd übers Ohr gehauen wird. Mit seiner Holzrätsche verjagt er Knaben und Mädchen, wenn sie zu frech werden. Diese reissen zwar aus; wenn er den anderen Figuren zu Hilfe kommt, sind sie aber immer bereit, ihn zu necken.

Das «Hinnerefürfroueli» hat zwei Gesichter, ein freundliches, nach vorne ins neue Jahr schauendes und ein hässliches, welches sich nochmals nach dem Vergangenen umblickt. Der Darsteller, welcher das «Hinnerfürfroueli» verkörpert, sollte sowohl vorwärts als auch rückwärts gut rennen können. Diese Figur stellt das Unberechenbare, das das Leben bringt, dar. Sie trägt das Kostüm einer Hexe, die mehr kann als nur Brot essen und deshalb sowohl gefürchtet als auch geschätzt wird — doppelgesichtig eben, das Eine ist ohne das Andere nicht zu haben. Wenn das Publikum die Figuren ärgert, rennt es mit seinen Schirmen den Übeltätern nach.

Das «Huttefroueli» trägt in seiner Hutte einen Mann herum, welchen es unterstützen muss. Der Mann spickt mit seiner Holzschere den Leuten ihre Kopfbedeckungen weg. Hier spielt die Emanzipation keine Rolle.

Der «Söiplaterehengscht» ist durch Stroh in seinem Gewand kugelrund gepolstert und könnte nicht mal selbständig aufstehen, sollte er hinfallen. Seinen zwei Begleitern obliegt die dankbare Aufgabe, ihm allenfalls wieder auf die Beine zu helfen. Er schlägt mit einem Bündel getrockneter Schweineblasen auf die Gäste ein, welche dadurch einen Schrecken kriegen und oftmals durch den Geruch der getrockneten Schweineblasen noch für ein paar Stunden ein Andenken an den «Esu» mit sich tragen.

Die «Kässeler» sammeln in ihren Sammelbüchsen Geld für den Unterhalt der Kostüme und Holzmasken. Sie bedanken sich für die Spenden mit Luftsprüngen und einem «Merci – es guets Nöis!» Falls nach Bezahlung von Versicherungen, Auslagen für Kostüme etc. noch etwas übrig bleibt, wird das Geld für grössere Ausgaben zurückgelegt.

Die «Pöschteler» sind eine neuere Erfindung und verkaufen das «Aljahrsblatt». Von ihnen wird ein grosser Verkaufseinsatz gefordert, welchen sie in ihren alten Pöstleruniformen auch immer erfüllen.

Die «Esucrew» begleitet die Figuren, regelt den Strassenverkehr und trägt die Utensilien der Figuren nach. Sie sind auch die «Sicherheitsleute» zum Schutz der Darsteller, welche unter den Holzmasken nur eine sehr eingeschränkte Sicht haben. Bei allfälligen Stürzen oder Unfällen sind sie die Ersatzleute für die Figuren.

Der «Fässliträger» sammelt mit seinem Fässchen «Esumilch», welche in Form von Weisswein und weiteren gegorenen und gebrannten Wassern von den Wirten ins Fässli geschüttet wird. Am 1. Januar punkt 1400 Uhr beginnt «ds Ussuufe», dessen Ziel es ist, immer das Fässli bis auf den letzten Tropfen zu leeren. Die Beizen, welche an Neujahr geöffnet haben, werden dann von der Gruppe abermals, diesmal jedoch nicht verkleidet, heimgesucht und «beehrt». Das Trinkgelage, welches ebenso zur Tradition gehört wie der Umzug, wird aufgelöst, sobald der «Oberesu» das alljährliche Ritual schliesst mit dem Befehl: «Dr Esu isch verby!»

Zu wissen, wer jeweils welche Figur spielt, gehört zu den bestgehüteten Geheimnissen des Silvesterabends. Auch in den Tagen und Wochen danach erhält man auf die Frage, wer denn welche Figur verkörpert habe, die Antwort: «Jitze han ig das grad vergässe».

Wer einmal vom Virus «Esu» befallen ist, wird ihn so schnell nicht wieder los. Viele Mitwirkende machen jedes Jahr mit und einige von ihnen haben bereits den Zinnbecher, welcher beim 10. Mal, also im 10. Jahr vergeben wird, beim «Ussuufe» dabei. Einige wenige vergiftete «Esler» haben erst nach 20 Jahren aufgehört und sind nun ins zweite Glied, den «Esurat», gerückt. Dieser hat sich zur Aufgabe gemacht, die aktive Gruppe zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass der Brauch nicht verloren geht.

Die Mannschaft — Frauen sind ausgeschlossen — kommt nur durch den Aufruf des «Oberesu» im Dezember einmal zur Rollenverteilung zusammen, bei welcher streng nach Dienstjahren die Rollen vergeben werden. Mitmachen können Männer ab 18 Jahren. Sonst ist die Gruppe nicht organisiert. Wir sind also kein Verein — sondern eben «Esler».

Wer den «Altjahrsesel Schwarzenburg» an Ort und Stelle erleben will, erhält jeweils an Silvester ab 2000 Uhr in Schwarzenburg die Gelegenheit dazu. Ungefähr um 2130 Uhr wird die Predigt auf dem Dorfplatz verlesen.

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