«Dr Esu isch eröffnet!»

Die Esugruppe vor dem Chäppeli in Schwarzenburg.

Mit diesem erlösenden Ruf beginnt jenes mit Sehnsucht erwartete Ritual, dem die Menschen in Schwarzenburg alle Jahre an Silvester huldigen.

Bereits Stunden zuvor haben sich die «Esler» an einem geheimen Ort versammelt und sich auf den grossen Auftritt vorbereitet. Jeden der «Esler» befällt spätestens Anfang Dezember der Virus, man kann es kaum erwarten, bis es soweit ist.

An jedem Silvesterabend, Punkt beim 8. Glockenschlag der Schwarzenburger Dorfkapelle «Chäppeli» beginnt das, worauf sich rund vierzig junge Männer schon seit einiger Zeit gefreut haben: Der «Oberesu» erklärt den «Esu» des entsprechenden Jahres für eröffnet.

Nach der «offiziellen Eröffnung» beginnt die Gruppe, mit der eigenen «Esumusig», streng geordnet nach Figuren, ihre Silvester-Tour. Die fröhliche Truppe wird angeführt vom «Anführer» und dem «Esuführer» samt «Esu». Ihnen folgen die «Esumusig», das «Brautpaar» mit dem «Altjahrspfarrer», der «Tüüfu», das «Hinnerefürfroueli», das «Huttenfroueli», der «Fässliträger», der «Söiplaterehengscht», der «Briefträger», die «Kässeler» und weitere Begleiter.

Beim ersten Wirtshaus stösst der Anführer ins Horn, tritt ein und fragt den Wirt: «Isch dr Esu erloubt?». Die Restaurants sind meistens voll besetzt. Nachdem der Wirt die Erlaubnis erteilt hat, stösst der Anführer nochmals ins Horn. Dies ist das Startzeichen für die vor dem Eingang versammelte Gruppe: «Jetzt geht's los!»

Der Esel macht seine störrischen Sprünge und wird vom Eselführer jämmerlich verprügelt, die Musik spielt, das Brautpaar tanzt, die restlichen Figuren treiben Schabernack, bis der Anführer dem Altjahrspfarrer das Wort übergibt.

Nun ist es mäuschenstill im Lokal und jedermann will auf keinen Fall eine Pointe der launischen Altjahrspredigt verpassen, welche immer mit der Anrede «Liebi Dorflüt — u wär süsch no zuelost» beginnt.

Während der Predigt macht sich der Fässliträger an den Wirt heran und lässt sich einen oder mehrere halbe Liter Weisswein ins Fässli füllen. Diesen wird die Gruppe dann am nächsten Tag, beim ebenso traditionellen «Ussuufe», trinken.

Die Pöstler verkaufen das Altjahrsblatt, welches traditionellerweise für die Volkshochschule Schwarzenburg verkauft wird. Die Kässeler sammeln mit ihren Kässeli Münz für den Unterhalt der Masken und Kostüme.

Nachdem der Altjahrspfarrer die Predig mit «Läbit wohl u zürnet nüt!» geschlossen hat, verlässt die Gruppe wieder geordnet das Lokal und nimmt den Weg ins nächste unter die Füsse. Insgesamt besucht die Gruppe acht Restaurants, und der Pfarrer hält in jedem Lokal — je nach baulicher Situation — ein- bis zweimal seine Predigt. Für all jene Leute, welche in den Restaurants keinen Platz gefunden haben, wird die Predigt auf einer improvisierten Bühne auf dem Dorfplatz verlesen.

Nach dem Umzug, so gegen 23 Uhr, geht die Gruppe geordnet zu ihrem Ausgangspunkt zurück, um auch noch ein paar Stunden der Silvesternacht zu geniessen. Bei vielen der Mitwirkenden wird die Nacht zum Tag — viel zu früh ist der Neujahrsmorgen da.

Jedermann weiss: am 1. Januar spätestens um 14.00 Uhr muss er beim «Ussuufet» antreten, sonst kann er in einem späteren Jahr nicht mehr mitmachen.

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